Das folgende Märchen übersetzten mir aus dem Plattdeutschen Marita Stahnke und E. Günter Willamowski. Es ist ein Auszug aus einer Märchen- und Gedichtsammlung die ich gern veröffentlichen möchte.

Frau Rumpentrumpen

Eine alte Frau mit ihrer hübschen Tochter, die wohnten zusammen im Wald. Da sollte die Tochter eines Morgens einen Topf ausgießen; der Topf glitt ihr aber aus der Hand, und er war kaputt. Da fing die Alte gewaltig an zu schimpfen, was das für eine Wirtschaft wäre, nichts könnte sie heil lassen, alles werfe sie kaputt; das wäre ja wohl die Wirtschaft des Teufels.

Der König war gerade mit einem großen Gefolge auf der Jagd, als er den Lärm hörte. Er sagte zu den anderen: „Seid leise! Was ist das? Da geht es ja böse zu. Ich muss doch wissen, was da los ist.“ Als sie nun näher kamen, sah er, was sich abspielte: die Tochter stand und weinte, die Mutter stand und schimpfte, und sie wollten beide nicht mit der Sprache heraus. – Die Alte sagte zuletzt: „ Meine Tochter sollte Flachs spinnen, und jetzt spinnt sie immer Seide daraus; ich habe es ihr verboten, aber sie lässt es nicht.“ Da sah der König die Tochter an und dachte: „Die ist hübsch genug, die solltest du man freien; mit dem Seidenspinnen kann sie ja viel Geld verdienen.“ Er sagte nun zu der alten Frau, er wolle ihre Tochter zur Frau haben, aber vor der Hochzeit solle sie ihm erst von 3 Pfund Flachs 3 Pfund Seide zur Probe spinnen, in 3 Tagen aber müsse alles getan sein.

Als der König nun des Abends den Flachs schickte, da wussten sie überhaupt nicht, was sie anfangen sollten. Da ging die Tochter in den Wald hinein, sie wusste selber nicht warum, und setzte sich nieder auf einen Stein und weinte. Da fiel ein Stern vom Himmel, ihr auf den Schoß und blieb auf dem Flachs liegen. Als sie das sah, wurde sie ganz vergnügt und sagte zu sich: „Das bedeutet Glück, es wird noch alles gut gehen; nun werde ich erst einmal darüber schlafen.“ Nun ging sie nach Hause und ins Bett. Der Flachs war aber am nächsten Tag nicht von selbst zu Seide geworden. Am Abend ging die Tochter wieder in den Wald, setzte sich auf den Stein und dachte: „Wie soll es dir noch ergeh`n?“ Da sah sie einmal auf, und im Mondschein vor ihr sah sie ein großes, hübsches Glücksklee stehen. Sie pflückte es und dachte: „Das bedeutet wieder Glück, du kannst beruhigt noch einmal ausschlafen.“

Nun kam aber der dritte Tag, da sollte das Garn fertig sein, am nächsten Tag sollte sie es abliefern; der Flachs wurde aber nicht von selbst zu Seide. Am Abend ging sie wieder in den Wald, setzte sich auf den Stein und weinte. Da kam ein kleiner weißer Vogel zu ihr und flog immer vor ihr her, und sie folgte ihm, immer tiefer in den Wald hinein. Zuletzt kamen sie an ein kleines Haus, da flog der Vogel hinein, und sie stieß die Tür auf; da saßen drei alte Hexen und spannen. Die eine hatte einen großen breiten Fuß, die andere einen großen breiten Daumen und die dritte eine lange breite Lippe. Da sagte sie zu den alten Hexen: „Ich wollte sie bitten, mir drei Pfund Flachs zu drei Pfund Seide zu spinnen.“ Sie erzählte ihnen alles, wie ihre Mutter den König angelogen hatte mit dem Seidenspinnen und dass sie nun 3 Pfund zur Probe spinnen sollte und morgen sollte sie diese abliefern. Könnte sie das nicht, würde der König sie gewiss wieder verstoßen! Da sagten die alten Hexen: „Wir wollen dir doch helfen.“ Jede könnte für sie ein Pfund spinnen; sie sollen auch in ihrem Leben nie wieder Seide spinnen müssen, wenn sie an den drei Tagen, an denen die Hochzeit gefeiert würde, alle drei einladen wolle; dann solle sie an jedem der drei Tage morgens auf den Friedhof gehen und sich an den großen Stein dreimal drehen und rufen:

Breitfuß, Breitdaumen, Breitlippe,kommt und feiert Hochzeit.

Aber wenn sie sich einmal irren sollte und eine vergessen würde, so solle diejenige dann den ersten Prinzen haben. Die kleine Braut war ganz vergnügt. Sie versprach den alten Hexen alles. Die machten ihr im selben Augenblick die Seide zurecht; und als sie die 3 Pfund nun dem König aufs Schloss brachte, da war er sehr zufrieden mit ihr und sagte, nun wollten sie bald Hochzeit halten; so eine feine blanke Seide von Flachs gesponnen hatte er noch nie gesehen.

Als nun Hochzeit sein sollte, schickte der König seiner Braut eine große Kutsche, um sie aufs Schloss zu holen, aber da sie angekleidet werden sollte, schlich sie sich erst ganz leise auf den Friedhof stellte sich auf den grauen Stein und rief dreimal:

Breitfuß, Breitdaumen, Breitlippe,Kommt und feiert Hochzeit.

Dabei drehte sie sich dreimal herum und ging ebenso leise auf das Schloss und ließ sich anziehen. Da war sie schöner, als je eine Königin gewesen war.

Nun waren alle Gäste versammelt. Da kam eine alte Kutsche angefahren, die hielt vor dem Schloss und eine alte Frau stieg aus. Die hatte einen großen breiten Fuß. Sie sagte, sie wäre eingeladen und wollte mit zur Hochzeit; die Leute wussten nicht, wo die alte Frau herkam. Der König fragte seine Braut, ob sie diesen alten Menschen kennt. „Ja“, sagte die Braut, „das ist meine Frau Meddern.“ Nun wurde sie in den Saal gebeten und die anderen Gäste erwiesen ihr alle Ehre. Der König ging ein wenig herum und kam zuletzt auch wieder zu der alten Frau; er fragte sie, wovon sie diesen großen Fuß habe? Sie sagte: „Das kommt von all meinem Tippen, Tippen, Seidenspinnen.“ Da sagte der König zu seiner Braut: „Dann sollst du nicht gar so viel Seide spinnen, damit du nicht auch so einen großen breiten Fuß bekommst.“

Am nächsten Tag nun musste die kleine Braut dringend zum Friedhof; der König ließ sie nicht ganz aus den Augen. Schließlich gelang es ihr doch, sich fort zu schleichen.Sie stellte sich auf den Graustein, drehte sich dreimal herum und rief dabei dreimal

Breitfuß, Breitdaumen, Breitlippe,kommt und feiert Hochzeit.

So kam sie diesmal noch glücklich davon. Als nun die Gäste versammelt waren, kam wieder eine Kutsche angefahren und heraus kam die Breitdaumen. Der König fragte, was das für ein Mensch sei. Sie sagte: „Das ist auch meine Frau Meddern.“ Später fragte der König die alte Frau, wovon sie denn den großen breiten Daumen habe. Sie sagte: „Das kommt von all meinem Tippen, Tippe, Seidenspinnen.“ Da sagte der König zu seiner Braut: „Dann sollst du gewiss nicht so viel Seide spinnen, damit du nicht so einen dicken, breiten Daumen kriegst.“

Die junge Königin war ganz vergnügt und dachte das geht gut. Am nächsten Morgen hätte sie fast vergessen, zum Friedhof zu gehen. Sie schlich sich aber doch wieder von den Brautjungfern weg, stellte sich auf den Graustein, drehte sich dreimal herum und sollte dreimal rufen:

Breitfuß, Breitdaumen, Breitlippe,kommt und feiert Hochzeit.

Aber in der Eile vergaß sie das dritte mal Breitfuß. Mit einem Sprung war sie wieder im Schloss und lebte herrlich und in Freuden. Als die Breitlippe kam und alle Leute sich über sie wunderten und der König fragte, sagte die Königin. „Das ist meine Frau Meddern.“ Da sagte der König, dass es ja ein richtiges Unglück wäre, dass all ihre Frau Meddern so missgestaltet wären. Er fragte die Frau, wovon sie so breite Lippen hätte. Sie antwortete: „Da kommt von all meinen tippen, tippen, Seidenspinnen.“ Der König sagte: „Meine Königin solle in ihrem Leben nicht wieder Seidenspinnen, wenn sie davon so eine breite Lippe bekommt.“

Nun war die kleine Königin vom Seidenspinnen befreit und lebte glücklich mit ihrem König. Als aber nun die Zeit um war und ein kleiner Prinz ankam, waren sie erst recht vergnügt und der König wusste gar nicht, was er vor lauter Freude tun sollte. Zwei, drei Frauen mussten allezeit bei dem Kind sein, und mit Samt und Seide wurde es zugedeckt. Aber am dritten Tag, als die Königin gerade den kleinen Prinzen bei sich hatte, klopfte es dreimal spukhaft an die Tür. „Herein, herein!“ rief die Königin.

Jawohl herein! Sie hätte die Breitfuß lieber draußen lassen sollen. Die kam nun herein, um den kleinen Prinzen abzuholen. Die Königin erschrak sehr und fing an zu weinen und zu bitten, ihr den kleinen Prinzen doch zu lassen; sie würde auch alles geben, was sie haben wollte. Alles umsonst. Bis zu guter Letzt die alte Hexe sagte: „Ich will dir was sagen: Wenn du in drei Tagen weißt, wie ich heiße, dann kannst du ihn behalten; ansonsten nehme ich ihn mit.“

Nun saß die Königin und weinte nur noch; sie konnte den Namen der Hexe nicht erfahren; all ihre Kammerfrauen und Jungfern konnten ihr nicht helfen, und der König durfte von alledem nichts wissen. Am Abend vor dem dritten Tag saß die Königin noch immer ganz traurig da und dachte: Wie soll das morgen bloß gehen? Da hörte sie, wie der Kuhjunge in der Küche etwas von einer Hexe erzählte, die immer von der Königin gesungen hatte.

Sie rief einen Kuhjungen zu sich und fragte ihn. Er wollte erst nichts sagen, doch dann erzählte er ihr, wie er beim Kühe hüten im Wald auf einer freien Stelle eine alte Hexe gefunden hätte, die mit einem bunten Stock in der Hand immer um ein Feuer getanzt und gesungen hätte:

Gottlob, Gottlob!dass meine Königin nicht weißdass ich Frau Rumpentrumpen heiß!

Da schlug die Königin vor Freude beide Hände zusammen und sagte: „Nun weiß ich es.“ Den Kuhjungen machte sie zu ihrem ersten Kammerdiener und er bekam einen roten Frack.

Am anderen Tag klopfte es wieder dreimal ganz unheimlich an der Tür. „Herein“, rief die Königin, und die alte Hexe mit dem breiten Fuß hinkte an ihrem Stock herein. Die Königin ließ sich nichts merken, sie saß ganz still und traurig da und sagte nichts.

Da sagte die Breitfuß: „Nun kannst du dreimal raten und rätst du es nicht, dann nehme ich den Prinzen mit.“ Erst sagte die Königin: „Heißen sie vielleicht Kuhfuß?“ – „Nein“, sagte die Hexe, „so heiße ich nicht.“ „Heißen sie vielleicht Kuhtante?“ – „Nein, so heiße ich auch nicht,“ sagte die Hexe. Die Königin wurde immer trauriger und betrübter, und nun fragte sie ganz leise: „Heißen Sie, – heißen Sie denn – nein oh nein, was soll ich bloß raten?“ „Schnell!“ sagte die Hexe und fasste den Prinzen an: „Schnell!“ – „Heißen sie denn Frau Rumpentrumpen?“

Das hat dir der verfluchte Kuhjunge verraten!“ schrie die alte Hexe, und weg war sie.