Faser Geschichten und Geschichte

Kategorie: Gedichte und Märchen (Seite 1 von 8)

Und wer ein faules Grittchen hat

Und wer ein faules Grittchen hat, Grittchen hat,
kann der nicht lustig sein,
kann der nicht lustig sein?
Sie schläft ja alle Mor gen, Mor – gen,
b i s daß die Sone scheint
und der Hirt die Herd‘ austreibt.

Der Vater aus dem Walde kam, Walde kam,
das Grittchen lag und schlief,
das Grittchen lag und schlief.
„Dich, Grittchen, hol‘ der Teufel, Teufel,
unsere Kuh ist noch im Stall,
und der Hirt ist schon im Wald.“

Das Grittchen aus dem Bette sprang, Bette sprang,
nahm gleich den Topf zur Hand,
nahm gleich den Topf zur Hand.
Sie tat das Kühlein melken, melken
mit der ungewaschnen Hand.
Ist das nicht ’ne wahre Schand‘?

Als sie die Kuh gemolken hat, gemolken hat,
gemolken hat die Kuh,
goß sie noch Wasser zu.
Sie zeigt die Milch dem Vater, Vater:
„Soviel Milch gibt unsre Kuh,
ja, das macht die lange Ruh‘!“

Als sie die Kuh gemolken hat, gemolken hat,
nahm sie den Stock zur Hand,
nahm sie den Stock zur Hand.
Sie tat das Kühlein treiben, treiben,
bis in den grünen Wald,
wo sie dort den Hirten fand.

„Ach Hirte, liebster Hirte mein, Hirte mein,
was hab‘ ich dir getan,
was hab‘ ich dir getan,
daß ich muß alle Morgen, Morgen
treiben mein Kühlein aus
bis wohl in den Wald hinaus?“

„Ei, gäbst du mir die Buttermilch, Buttermilch,
wie andere Mädchen auch,
wie andere Mädchen auch,
so tat‘ ich dir ja pfeifen, pfeifen,
blasen vor deiner Tür:
„Faules Grittchen, komm‘ herfür!“

„Ich gebe dir die Buttermilch, Buttermilch,
den Käse noch dazu,
den Käse noch dazu.
So mußt du alle Morgen, Morgen
blasen vor meinem Haus:
„Schönes Grittchen, komm‘ heraus!“

Volkslied

Das Hirtenfeuer

Dunkel, Dunkel im Moor,
Über der Haide Nacht,
Nur das rieselnde Rohr
Neben der Mühle wacht,
Und an des Rades Speichen
Schwellende Tropfen schleichen.
Unke kauert im Sumpf,
Igel im Grase duckt,
In dem modernden Stumpf
Schlafend die Kröte zuckt,
Und am sandigen Hange
Rollt sich fester die Schlange.
Was glimmt dort hinterm Ginster,
Und bildet lichte Scheiben?
Nun wirft es Funkenflinster,
Die löschend niederstäuben;
Nun wieder alles dunkel –
Ich hör des Stahles Picken,
Ein Knistern, ein Gefunkel –
Und auf die Flammen zücken.
Und Hirtenbuben hocken
Im Kreis‘ umher, sie strecken
Die Hände, Torfes Brocken
Seh ich die Lohe lecken;
Da bricht ein starker Knabe
Aus des Gestrippes Windel,
Und schleifet nach im Trabe
Ein wüst Wacholderbündel.
Er läßt’s am Feuer kippen –
Hei, wie die Buben johlen,
Und mit den Fingern schnippen
Die Funken-Girandolen!
Wie ihre Zipfelmützen
Am Ohre lustig flattern,
Und wie die Nadeln spritzen,
Und wie die Aeste knattern!
Die Flamme sinkt, sie hocken
Auf’s Neu‘ umher im Kreise,
Und wieder fliegen Brocken,
Und wieder schwehlt es leise;
Glührothe Lichter streichen
An Haarbusch und Gesichte,
Und schier Dämonen gleichen
Die kleinen Haidewichte.
Der da, der Unbeschuh’te,
Was streckt er in das Dunkel
Den Arm wie eine Ruthe,
Im Kreise welch‘ Gemunkel?
Sie spähn wie junge Geier
Von ihrer Ginsterschütte:
Hah, noch ein Hirtenfeuer,
Recht an des Dammes Mitte!
Man sieht es eben steigen
Und seine Schimmer breiten,
Den wirren Funkenreigen
Ueber’n Wacholder gleiten;
Die Buben flüstern leise,
Sie räuspern ihre Kehlen,
Und alte Haideweise
Verzittert durch die Schmehlen.
„Helo, heloe!
Heloe, loe!
Komm du auf uns’re Haide,
Wo ich meine Schäflein weide,
Komm, o komm in unser Bruch,
Da gibt’s der Blümelein genug, –
Helo, heloe!“
Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,
Und leise durch den Ginster zieht’s heran:
G e g e n s t r o p h e
„Helo, heloe!
Ich sitze auf dem Walle,
Meine Schäflein schlafen alle,
Komm, o komm in unsern Kamp,
Da wächst das Gras wie Brahm so lang! –
Helo, heloe!
Heloe, loe!“

Annette von Droste-Hülshoff

Am Ostermorgen

Am Ostermorgen schwang die Lerche
sich auf aus irdischem Gebiet
und, schwebend überm stillen Pferche
der Hirten, sang sie dieses Lied:
Erwacht! Die Nacht entflieht.
Das Licht zerbricht
die Macht der Nacht;
erwacht ihr Lämmer all, erwacht,
auf feuchtem Rasen kniet!

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Die kleine Spinnerin

„Was spinnst du?“ fragte Nachbars Fritz,
Als er uns jüngst besuchte.
„Dein Rädchen läuft ja wie der Blitz,
Sag an, wozu dies fruchte;
Komm lieber her in unser Spiel!“
„Herr Fritz, das laß ich bleiben,
Ich kann mir, wenn er’s wissen will,
So auch die Zeit vertreiben.

Was hätt‘ ich auch von euch, ihr Herrn?
Man kennt ja eure Weise,
Ihr neckt und scherzt und dreht euch gern
Mit Mädchen um im Kreise,
Erhitzt ihr Blut, macht ihr Gefühl
In allen Adern rege,
Und treibt, so bunt ihr könnt, das Spiel,
Dann geht ihr eurer Wege!

Schier ist’s, als wären in der Welt
Zum Spaße nur die Mädchen.
Drum geht und spaßt, wo’s euch gefällt,
Ich lobe mir mein Rädchen.
Geht, eure Weise ist kein nütz!
Wenn ich soll Seide spinnen,
So will ich, merk’s er sich!, Herr Fritz,
Nicht Werg dabei gewinnen.

Wolfgang Amadeus Mozart

27.1.1756 in Salzburg geboren, 5.12.1791 in Wien gestorben

Musiker und Komponist

Der erste Schnee

Der leise schleichend euch umsponnen
Mit argen Trug, eh` ihr`s gedacht,
Seht, seht den Unhold! Übernacht
Hat er sich andern Rat ersonnen.
Seht, seht den Schneemantel wallen!
Das ist des Winters Herrscherkleid;
Die Larve lässt der Grimme fallen; –
Nun wisst ihr doch, woran ihr seid.

Er hat der Furcht euch überhoben,
Lebt auf zur Hoffnung und seid stark;
Schon zehrt der Lenz an seinem Mark.
Geduld! Schon ruft der Lenz die Sonne,
Bald weben sie ein Blumenkleid,
Die Erde träumet neue Wonne, –
Dann aber träum´ ich neues Leid!

Adelbert von Chamisso