Damals, als die alte Kirche noch stand und vom Friedhof umgeben war, da wuchs an der Kirchhofsmauer ein mächtiger, alter Holunderbaum. Er war so mächtig, dass alle Leute aus der Stadt in seinem Schatten Platz fanden; und er war so alt, dass sein dicker Stamm schon ganz hohl war und ein Mann darin bequem hätte stehen können — aber es stellte sich keiner hinein. Denn in diesem Holunder wohnte ein Zauberfrau, deren Namen niemand kannte. Weil sie aber lange, weiße Haare hatte und ein langes, weißes Kleid trug, nannten die Leute sie einfach: die Weiße Frau. Oft ist sie erschienen, wenn sie gerufen wurde, besonders im Frühsommer, wenn der Lein himmelblau blühte, oder im Advent, wenn der erste Schnee fiel.

Vielen Leuten hat sie Gutes getan; aber sie konnte auch unmutig werden und den Menschen schaden. Wenn einer etwas von ihr haben wollte, dann musste er schweigend aus neun Flachsstengeln einen Zopf flechten und am Holunder aufhängen. Dabei musste er, ohne das ein anderer mithörte, sprechen:

» Weiße Frau, gute Frau,
ich bringe dir den Zopf
im Namen Gott des Vaters,
des Sohnes und des Heiligen Geistes.
So lang wie eine Weide,
so zart wie feinste Seide,
so geh ich dir den Zopf.
Gib du mir dafür.. .«,
und hier musste er seinen Wunsch aussprechen. Wenn das alles zur rechten Zeit und auf rechte Weise geschah, dann erfüllte die Weiße Frau einen Wunsch. —

Einmal ging eine arme Frau mit einem Flachszopf zum Holunder; aber die Weiße Frau zeigte sich nicht. Als dann Schnee gefallen war, ging die Frau wieder mit einem Zopf zum Holunder. Da sah sie die Weiße Frau dasitzen und spinnen. Sie zog ein paar Flachsfäden aus dem Rocken und gab sie der Frau. Die nahm sie mit nach Hause und sah, dass aus den Flachsfäden Goldfäden geworden waren.

Als einmal der Winter kam, hatte eine Frau kein Geld, um ihren Kindern warme Kleider zu kaufen. Sie ging zum Holunder, hängte einen Flachszopf auf und sagte den Spruch. Da sah sie die Weiße Frau, wie sie ihre langen Haare mit einem goldenen Kamm kämmte. Die ausgekämmten Haare zog sie aus dem Kamm und gab sie der Frau. Daheim merkte diese, dass die Haare zu feinsten Goldfäden geworden waren.  Dafür konnte sie kaufen, was ihre Kinder brauchten, und noch viel mehr.

Ein andermal, es war in der Adventszeit und es lag Schnee, ging eine Magd, die bald heiraten wollte, mit einem Flachszopf zum Holunder und wünschte sich eine Aussteuer. Die Weiße Frau hob Schnee auf und füllte ihn in die Schürze der Magd. Die trug ihn nach Hause und schüttete ihn in eine Ecke ihrer Kammer. Am anderen Morgen war der Schnee nicht geschmolzen, sondern zu feinstem Linnen geworden, wie es die vornehmste Frau in der Stadt nicht hatte. Ein anderes Mädchen wollte auch eine Aussteuer haben. Als es den Zopf aufgehängt hatte, nahm die Weiße Frau den Zopf und gab ihn dem Mädchen wieder zurück. Das meinte nun, die Weiße Frau wollte seine Gabe nicht haben, und ging traurig heim. Aber plötzlich merkte es, dass der Flachszopf viel schwerer geworden war: Er hatte sich in Silber verwandelt, und davon konnte sich das Mädchen eine schöne Aussteuer kaufen.

Noch viele andere brave Mädchen haben von der Weißen Frau eine Aussteuer bekommen; aber sie schämten sich zu erzählen, woher sie sie hatten.

Als einmal eine Hochzeit gefeiert wurde, ging abends der Wein aus. Der Bräutigam schickte einen mit einem Krug in die Wirtschaft, um neuen Wein zu holen. Als der Mann am Kirchhof vorbeikam, stand dort die Weiße Frau unter dem Holunderbaum und hatte einen Krug in der Hand. Sie winkte dem Mann, und der ging auch zu ihr, obwohl er große Angst hatte, weil er meinte, es sei ein Gespenst. Die Weiße Frau tauschte die Krüge, und der Mann kehrte wieder um. Nun konnte die Hochzeitsgesellschaft bis zum frühen Morgen zechen, ohne dass der Krug leer wurde. Der Pastor, der auch auf der Hochzeit war, wunderte sich darüber. Als er dann hörte, woher der Mann den Wein hatte, schimpfte er und verließ zornig die Gesellschaft. Auf dem Weg ins Pfarrhaus stolperte er über den leeren Krug, den die Weiße Frau dahin gelegt hatte, und fiel in den Dreck. Das junge Paar aber war dankbar und hängte am nächsten Abend einen schönen Flachszopf an den Holunder.

Ein armer Junge und ein reiches Mädchen wollten heiraten; aber die Eltern des Mädchens ließen es nicht zu, nur weil der Junge arm war. Da ging das Mädchen, das den Jungen sehr lieb hatte, zur Weißen Frau und bat sie um Hilfe. Sie gab ihm einen schönen Apfel8, wie das Mädchen noch keinen gesehen hatte. Es teilte ihn und gab die eine Hälfte dem Vater, die andere der Mutter zu essen. Sofort waren sie mit der Hochzeit einverstanden, die auch bald gefeiert wurde.

Ein Paar war schon lange verheiratet und hatte immer noch keine Kinder. Da ging die Frau, ohne dass ihr Mann es wusste, zum Holunder, hängte einen Flachszopf auf und wünschte sich ein Kind. Die Weiße Frau gab ihr einen Haselzweig und einen Holunderzweig. Die Frau nahm die beiden Zweige und steckte sie heimlich in den Strohsack. Noch ehe ein Jahr um war, bekam sie Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Als der Flachs blühte, bekam eine junge Frau ihr erstes Kind. Sie war aber sehr arm und hatte kein Geld, um Verwandte und Bekannte zum Kinderkaffee einladen zu können. Da flocht sie einen schönen Flachszopf und schickte ihren Mann damit zum Holunder. Der wollte erst nicht gehen, weil er sich schämte; dann ging er aber doch, als es schon ganz dunkel war, hängte den Zopf auf und sagte den Spruch. Die Weiße Frau gab ihm neun Weizenkörner. Er tat sie in seinen Hut, und als er ihn zu Hause seiner Frau aufs Bett ausschüttete, waren die Weizenkörner zu Goldkörnern geworden, und beide freuten sich sehr. Ein reicher Nachbar hörte davon und ging auch zum Holunder und bekam auch Weizenkörner, eine ganze Handvoll. Als er aber sah, dass es nur Weizenkörner waren, sagte er: »Davon habe ich den ganzen Speicher voll«, und warf sie weg. Am anderen Morgen sah er, dass die Mäuse seinen ganzen Weizenvorrat gefressen hatten. So hat er sich selber geschadet.

Ein kleines Kind hatte eine schlimme Halskrankheit, dass es keine Luft bekam und am Ersticken war. Die Mutter flocht schnell einen schönen Flachszopf und brachte ihn zum Holunder. Die Weiße Frau gab ihr einen jungen Holunderschößling. Daheim entfernte die Mutter das Mark daraus und ließ ihr Kind, das schon ganz blau war, durch das Holunderröhrchen heiße Milch trinken. Das Kind schlief bald ruhig ein und war am anderen Morgen wieder gesund und munter.

Am Stadttor wohnte die alte Merg, die konnte überhaupt nicht mehr schlafen. Da ging sie zur Weißen Frau, und die gab ihr einen Schlafapfel. Den legte die Merg unter das Kopfkissen, und nun konnte sie jede Nacht gut schlafen. Als sie nach vielen Jahren starb, fand ihre Schwiegertochter den Schlafapfel und warf ihn weg. Seit der Zeit konnte sie keine Nacht mehr schlafen.

Einem Bauern waren zwei Schinken aus dem Rauch gestohlen worden, ein großer und ein kleiner. Weil er sie gerne wieder gehabt hätte, flocht er auch einen Zopf. Aber er nahm nur sechs Flachsstengel, weil er meinte, die Weiße Frau würde das doch nicht merken. Sie gab ihm einen langen Holunderschößling. Als der Mann nach Hause gehen wollte, zog ihn der Holunderstecken aber in eine andere Richtung. So kam er an die Stadtmauer und fand dort in einem Versteck den kleinen Schinken; den großen fand er nicht mehr. Da bereute er es, dass er nicht neun Flachsstengel genommen hatte. Mit einem Holunderstecken, den ihm die Weiße Frau gegeben hatte, fand ein anderer Mann ein Schwein wieder, das ihm nachts entlaufen war.

Zur Hexenzeit hatte eine Hexe einem armen Bauern seine einzige Kuh verhext, dass sie keine Milch mehr gab. Mit einem Holunderzweig, den er von der Weißen Frau bekommen hatte, strich er über das Euter der Kuh. Da war der Zauber •sofort gelöst, und die Kuh gab mehr Milch als vorher.

Die Weiße Frau konnte die Leute auch narren oder strafen, wenn sie etwas Unvernünftiges oder Böses von ihr verlangten oder ihr ein Leid antaten.

Ein fauler Bursche sägte einmal unter dem Holunder den Spruch und wünschte sich Geld, das er aber vertrinken wollte. Die Weiße Frau gab ihm einen Wirtel, den er froh in die Tasche steckte. Dann ging er in die Wirtschaft und wollte seinen Kumpanen den Schatz zeigen. Da war der goldene Wirtel zu einem Pferdeapfel geworden.

Ein andermal wollte ein Reitknecht aus der Burg die Weiße Frau ärgern. Er flocht einen Zopf, aber aus neun Strohhalmen, hing ihn an den Holunder und wünschte sich Geld. Er bekam neun Gulden in die Hand, die er fest schloss, um nur ja keinen zu verlieren. Als er im Wirtshaus die Goldstücke auf den Tisch zählen wollte und die Faust öffnete, hatte er nur Katzendreck drin.

Ganz schlimm ist es einem Mann ergangen, der nicht an die Weiße Frau glaubte und sagte: »In dem Holunder wohnt keine Weiße Frau, und wenn eine drin wohnt, so werde ich sie ausräuchern, dass sie schwarz wird!« Eines Abends ging er heimlich zum Holunder, stopfte eine Bürde Reiser in den hohlen Stamm und steckte sie an. Im gleichen Augenblick hörte er, wie man in der Stadt rief: »Feuer! Feuer!« Er meinte, man hätte ihn gesehen, und lief schnell heim. Da sah er, dass sein eigenes Haus brannte. Das Feuer konnte nicht eher gelöscht werden, bis das Feuer im Holunder ausgebrannt war. Dem Baum aber war nichts geschehen.

Es könnten noch viele Geschichten von der Weißen Frau erzählt werden; aber viele Leute, denen sie geholfen hatte oder auch nicht, sagten das nicht weiter. —

Als man den Friedhof von der Kirche an eine andere Stelle verlegte, wurde auch der alte Holunderbaum umgehauen. Seitdem hat die Weiße Frau sich nicht mehr gezeigt. Aber wenn der Flachs blüht oder der erste Schnee fällt, können gute Menschen sie nach dem Abendläuten noch manchmal klagen hören, weil sie keine Wohnung mehr hat und niemand mehr ihr Flachszöpfe bringt.

(Alte Geschichten, neu erzählt, Herbert Wagner)