Heute schreibe ich  den 2. Teil von Fritzchen Geschichte „Spinnen-weben“.

Die Oma, die am gestrigen Tag mit ihrer kleinen Enkelin vorbeikam, erzählte auch von „Spinnen“, aber bei ihr klang das irgendwie anders. Fritz versuchte sich zu erinnern. Das blonde Mädchen, das an der Hand seiner Großmutter über den Deich hüpfte, ja ich glaube das war so. Verträumt blinzelt er Richtung Wasser. In seiner Erinnerung reist er wieder.

Die Großmutter hielt an, dachte für einen Augenblick nach und sprach:  Als ich noch ein kleines Mädchen war, so wie du es heute bist, haben die Frauen bei uns im Dorf noch am Spinnrad gesessen, um Wolle und Leinen zu spinnen. Die Wolle bekamen sie von ihren eigenen Schafen oder vom Dorfschäfer. Nach dem Reinigen, Sortieren und Kämmen der Wolle holten die Frauen die Spinnräder hervor, dies war im Spätherbst, ca. St. Martin. Die Arbeit auf den Feldern war beendet. Unter Spinnen verstehen wir das Herstellen eines Fadens unter Verziehen und Verdrehen von Fasern miteinander. Durch das Verdrehen der Wolle oder anderer Fasern, entsteht ein Garn, die ist allgemein die Bezeichnung für Fäden. Dieses Garn wird weiter verarbeitet. Es lassen sich unterschiedlich dicke bzw. dünne Garne herstellen, auch Noppengarn und Garne aus verschiedenen Faserarten z.B. Schafwolle und Kamelwolle.

Die einfachste Art des Spinnens, ist das Verdrehen der Wolle über den Oberschenkel durch Rollen. Einfach lässt Wolle sich auch auf der Handspindel spinnen, das ist aber sehr zeitaufwendig. Beim gemeinsamen Arbeiten an den Spinnrädern erzählten sich die Frauen Geschichten und Neuheiten aus Dorf und Stadt. Häufig benutzten die Frauen einen Rocken. Die unverarbeitete Wolle oder der Flachs wurde auf einen Stock, dem Rocken oder Kunkel, gewickelt und mit bunten Bändern befestigt.

Aus diesem „Vorrat“ nahm die Spinnerin die Fasern und verspann sie mit dem Spinnrad oder der Spindel. Es dauerte viele Stunden bis die Fasern verarbeitet war. Nach dem Spinnen musste das Garn noch gezwirnt werden. Danach konnte die Wolle zu Strümpfen oder Pullovern verstrickt werden oder sie wurde erst gefärbt und dann verarbeitet. Aus dem Flachs wurden Tischwäsche oder Betttücher gewebt.

Früher, so wusste die alte Dame, mussten die Mädchen sich ihre Aussteuer selbst spinnen und weben. Die dann noch bestickt wurde, meist mit den Anfangsbuchstaben ihres Namens. Noch viel, viel früher spannen die Frauen mit der Handspindel. Dies belegen die Funde der Archäologen. Schon 6000 Jahre v. Chr. kannten die Menschen die Technik des Spinnens. Aus der Steinzeit haben Forscher Steinscheiben, die als Gewichte für Spindeln dienten, gefunden. Es gab außerdem Gewichte aus Holz, Keramik und Knochen. Noch heute verwenden Frauen im arabischen Raum und in Tibet die Kreuzspindel, die auch türkische Spindel genannt wird. Die Frauen spinnen beim Laufen und Sitzen, eigentlich überall, so auch beim Schafe hüten.

Die Hochkulturen Asiens, wie zum Beispiel China, und die Römer der Antike kannten schon damals das Spinnrad. Viele Schicksalsgöttinnen gibt es in der langen Menschheitsgeschichte auf der ganzen Erde. Da ist z.B. Ishdushtaja, die zusammen mit Papaja mit Spiegel und Spindel das Schicksal der Menschen bestimmte.  In der griechischen Mythologie zählt Klotho, als Tochter von Zeus, zu den drei Schicksalsgöttinnen, die Moiren. Sie spinnen mit ihren Spindeln die Lebensfäden der Menschen. Reißt ein Faden ab, stirbt ein Mensch. So erzählen es die alten Geschichten in Griechenland.

Die Großmutter weiß auch, dass im 18. Jahrhundert in England die erste Spinnmaschine gebaut wurde. Sie trug den Namen Jenny.

Dann beschlossen Enkelin und Großmutter zusammen mit Opa Handspindeln zu bauen und zu spinnen. Der Großvater wartet geduldig auf der Deichkrone auf seine beiden „Ladys“ mit einer weiteren Ausführung zum Thema Spinnen:

In alten Zeiten glaubten die Menschen an mehrere Götter und Gottheiten. So glaubten sie auch daran, dass in den Raunächten, also in den Nächten zwischen den Jahren, Odin, der Gemahl Freyas, in wilder Jagd durch die Luft zieht. So war es verboten zu Spinnen. Freya zog manchmal auch selbst durch die Luft. Später glaubten die Menschen, Frau Holle ziehe in der Zeit der Raunächte, vom 24. Dezember bis zum 6. Januar, durch die Häuser. Sie galt als die Schutzpratonin der Spinnerinnen. Genau wie Freya schaut sie nach wie fleißig die Frauen und Mädchen waren und belohnte die Fleißigen mit Gold und brachte das Garn der Faulen durcheinander. Die Menschen vermieden in dieser Zeit während der Dunkelheit ins Freie zu gehen, um nicht mit den Wesen der Zwischenwelt in Kontakt zu kommen. Nun, da ist ja auch noch die heilige Gertrud. Bis zum Tag der heiligen Gertrud am 17. März musste die Winterarbeit, sprich Spinnen und Weben, fertig sein. Denn der Spruch heißt: „Gertrud mit der Maus treibt die Spinnerinnen raus. Die Maus kommt und beißt den Faden ab.“

An mehr kann Fritz sich nicht erinnern. Er merkt jedoch genau, Großmutter und Biologe meinen nicht das Gleiche, obwohl beide den Begriff „Spinnen“ verwendeten. Laut und hell blökend läuft er zu den anderen Schafen, um ihnen zu berichten, was er „erlebt“ hat.

Das Leben eines Menschen ist das,
was seine Gedanken daraus machen!

Mark Aurel