Wenn im Oktober die Arbeit des Flachsbrechens bei einer eigens hierzu gebauten Feuerstätte im Freien, die je einer Familie abwechlungsweise zur Benutzung zustand, vorgenommen wurde, so halfen außer den bestellten Lohnbrecherinnen noch angesehene Bauerntöchter mit, welche man Ehrenbrecherinnen nannte.

Kam nun während des Geschäftes, wobei es gewöhnlich lustig zuging, ein bekannter junger Mann vorüber, so beeilten sich ein paar Mädchen, ihm zuvorzukommen. Jede trug eine Handvoll feiner Reisten (Schäben = Flachsabfall), mit welcher sie den Ankömmling den Weg bestreuten, sprechend:

„Es reist ein schöner Herr wohl übers Land,
Wir hoffen, er hab einen großen Verstand,
Wir wollen ihm streuen in Ehren,
Er wird uns auch was in die Reisten verehren!“

Der Angesprochene, um sich loszukaufen, langt in die Tasche, reicht den schalkhaften Brecherinnen scherzweise das kleinste Geldstück, welches er bei sich trägt, und spricht:

„Weil ihr mir die Ehre erweiset,
Und mich gar einen Herren heißet,
So will ich mich nicht länger wehren,
Und euch diesen Kronentaler in die Reisten verehren““
Die Mädchen unter Scherz und Lachen:
„Dieser Kronentaler ist viel zu klein,
So zahlen arme Bäuerlein;
Die Herren spenden immer mehr,
Drum gib uns noch einen Zwölfer her.“

Und keiner war je so ungalant, daß er nicht den schönen Drängerinnen mehr gespendet hätte. Reiche Bauernsöhne gaben sogar nicht selten in der Tat einen Kronentaler, selbst mehr, vorausgesetzt, daß ihnen die „Reisten“ und diejenigen, welche sie gestreut, gut gefallen. Der Schluß des ländlichen Geschäfts war jedesmal ein Schmaus, welchen die Hausfrau ihren Helferinnen zum besten gab – und als Beweis, daß diese stets einen guten Appetit von der Arbeit mitzubringen pflegten, kann das alte Sprichwort gelten:

„Hunger haben wie eine Brecherin“.

Während dem Ehrenmahl erschienen die ledigen Burschen des Ortes, jeder mit einem Stab in der Hand, und indem sie sich vor das Haus postierten, unterhielten sie sich durch das offene Fenster mit den essenden Schönen in der unteren Stube. Weil aber dem Mahle niemals Äpfel- und Birnenschnitze fehlen durften, so verlangten die Außenstehenden, scherzweise durch die hohle Hand sprechend, bald von dieser, bald von jener Innensitzenden einen Schnitz, dessen Geben oder Verweigern natürlich stets großen Spaß verursachte. War das Essen vorüber, so stellten sich die Burschen im Spalier vor dem Hause auf mit vorgehaltenen Stäben – und wenn die Mädchen heraustraten um nach Hause zu gehen, so mußte sich jede die Begleitung eines solchen galanten Stabhalters gefallen lassen.
Lucian Reich (1817 – 1900)

Ein Freund ist ein Mensch,
der die Melodie deines Herzens kennt
und sie dir vorspielt,
wenn du sie vergessen hast.

Albert Einstein