Ein

Schüler plagte seinen Lehrer wieder und wieder, er solle ihm Fabeln erzählen. Und immer wenn der Lehrer eine erzählt hatte, meinte der Schüler: „Sie war nicht lang genug.“ Da sagte der Lehrer eines Tages: „Pass nur auf, dass es zwischen dir und mir nicht so geht wie zwischen einem König und seinem Geschichtenerzähler.“

 

„Wie war das mit den beiden?“ fragte der Schüler. Und der Lehrer erzählte: „Ein König hatte einen Geschichtenerzähler, der viele, viele Geschichten zu erzählen wusste. Immer wenn der König müde war und sich zur Ruhe legte, musste er fünf Fabeln erzählen. Das war dem König Erquickung und Wohltat nach dem mühseligen Regierungsgeschäften des Tages. Eines Abends, als der König zu Bett gegangen war, konnte er nicht einschlafen, denn die Geschäfte des Tages ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Da befahl er seinem Geschichtenerzähler, mehr Fabeln als gewöhnlich zu erzählen. Der Mann erzählte noch drei Fabeln mehr, die waren aber gar kurz. Der König sprach: ,Du hast mir nur so kurze erzählt, ich hätte aber lieber eine längere gehört. Danach kannst du dann auch schlafen gehen.

Der Geschichtenerzähler begann:, Ein reicher Bauer steckte tausend Pfund Pfennige zu sich, ging auf einen Jahrmarkt und kaufte dafür zweitausend Schafe. Als er aber die Schafe nach Hause trieb, war der Fluss, den er überqueren musste, nach einem Regenfall so angeschwollen, dass er die Schafe weder durch die Furt noch über die Brücke treiben konnte. Er überlegte hin und her, wie er die Schafe hinüberbringen könnte. Zuletzt fand er ein Schifflein. Das so klein war, dass er nur ein großes Schaf oder zwei kleinere auf einmal über den Fluss setzen konnte. Der Bauer fing also an, die Schafe eines nach dem anderen überzusetzen.“ Nach diesen Worten schlief der Geschichtenerzähler vor dem König ein. Der König aber weckte ihn und bat ihn, die Fabel zu Enden zu erzählen. Der Mann sprach:,Herr, der Fluß ist gar breit und das Schifflein klein, und es sind zweitausend Schafe. Der Bauer soll sie erst alle hinüberführen, dann will ich dir sagen, wie es ihm mit den Schafen weiter erging.“ Da musste der König sich begnügen und erlaubte seinem Geschichtenerzähler, sich schlafen zu legen.

„Darum mein lieber Freund“, sprach der Lehrer zu seinem Schüler, „dränge mich fortan nicht mehr so, sonst muss ich dich immer an dieses Beispiel erinnern.“

Petrus Alphonsi

Ehret die Frauen!

Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben

Friedrich Schiller, Würde der Frauen